Wurzelbehandlung oder Zahn ziehen – wie trifft man die richtige Entscheidung?

Lesezeit: 5 Minuten | Dr. Sebastian Fiedler

Wenn ein Zahn stark entzündet oder beschädigt ist, stehen viele Patientinnen und Patienten vor derselben Frage:
Soll der Zahn erhalten werden oder ist es besser, ihn zu ziehen?

Diese Entscheidung ist selten eindeutig. Sie hängt vom Zustand des Zahns, der Ausdehnung der Entzündung und der langfristigen Prognose ab. Moderne Zahnmedizin verfolgt dabei ein klares Ziel: Zähne so lange zu erhalten, wie es medizinisch sinnvoll ist. Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen eine Zahnentfernung die bessere und ehrlichere Lösung darstellt.


Das Wichtigste in Kürze

  • Ein natürlicher Zahn sollte erhalten werden, wenn eine stabile Prognose besteht.
  • Eine Zahnentfernung ist sinnvoll, wenn der Zahn nicht mehr verlässlich zu stabilisieren ist.
  • Moderne Wurzelbehandlungen sind heute gut kontrollierbar und für die meisten Patienten gut verträglich.

Wann stellt sich die Frage „Wurzelbehandlung oder Zahn ziehen“?

Diese Entscheidung kommt meist dann auf, wenn der Zahnnerv entzündet oder bereits abgestorben ist. Häufige Ursachen sind tiefe Karies, undichte Füllungen oder frühere Behandlungen, bei denen Bakterien in das Zahninnere gelangt sind. Auch eine Entzündung an der Wurzelspitze kann dazu führen, dass ein Zahn Beschwerden verursacht oder im Röntgenbild auffällig wird.

Solche Befunde bedeuten jedoch nicht automatisch, dass ein Zahn verloren ist. In vielen Fällen lässt sich die Entzündung gezielt behandeln und der Zahn langfristig erhalten.


Was bedeutet eine Wurzelbehandlung?

Bei einer Wurzelbehandlung wird das entzündete oder abgestorbene Gewebe aus dem Inneren des Zahns entfernt. Anschließend werden die Wurzelkanäle sorgfältig gereinigt, desinfiziert und bakteriendicht verschlossen. Ziel ist es, die Entzündung zu beseitigen und den Zahn dauerhaft zu stabilisieren.

Der Zahn bleibt dabei vollständig erhalten, lediglich der Zahnnerv wird entfernt. Nach Abschluss der Behandlung kann der Zahn weiterhin normal belastet werden und erfüllt seine Funktion im Gebiss.


Warum Zahnerhalt medizinisch sinnvoll ist

Ein natürlicher Zahn ist fest im Kiefer verankert und überträgt Kaukräfte auf den Knochen. Dadurch bleibt der Kieferknochen stabil. Zudem fühlt sich ein eigener Zahn in der Regel natürlicher an als jeder Zahnersatz.

Deshalb gilt in der Zahnmedizin ein klarer Grundsatz:
Wenn ein Zahn mit vertretbarem Aufwand erhalten werden kann, ist das meist die beste Lösung.

Vorteile des Zahnerhalts sind unter anderem:

  • keine Zahnlücke
  • keine sofortige Folgebehandlung notwendig
  • Erhalt von Kieferknochen und Bissstabilität
  • langfristig oft weniger Behandlungsaufwand

Ist eine Wurzelbehandlung schmerzhaft?

Dank moderner Betäubungsverfahren lässt sich eine Wurzelbehandlung heute in den meisten Fällen schmerzarm durchführen. Die Behandlung ist gut kontrollierbar und deutlich weniger belastend, als viele Patienten erwarten. Beschwerden entstehen meist eher durch die Entzündung selbst – nicht durch die Behandlung.


Wann ist Zahnziehen die bessere Entscheidung?

Trotz moderner Technik gibt es Situationen, in denen ein Zahn nicht mehr sinnvoll zu erhalten ist. Das ist zum Beispiel der Fall bei:

  • tiefen Rissen oder Längsfrakturen
  • stark zerstörter Zahnsubstanz
  • ausgeprägter Lockerung durch Parodontitis
  • fehlender langfristiger Prognose

In solchen Fällen ist es medizinisch sinnvoller, den Zahn zu entfernen, anstatt ihn mit unsicherem Ergebnis zu erhalten.


Was bedeutet eine Zahnentfernung langfristig?

Nach dem Ziehen eines Zahns entsteht eine Lücke. Bleibt diese unversorgt, kann es zu Verschiebungen der Nachbarzähne und zu Knochenabbau im Kiefer kommen. Deshalb ist nach einer Zahnentfernung häufig eine weiterführende Versorgung notwendig, etwa mit einer Zahnbrücke oder einem Implantat.

Eine Zahnentfernung ist also selten das Ende der Behandlung, sondern oft der Beginn weiterer Schritte.


Wurzelbehandlung oder Zahn ziehen – ein Vergleich

AspektWurzelbehandlungZahn ziehen
Natürlicher Zahnbleibt erhaltengeht verloren
Kieferknochenbleibt stabilbaut sich ohne Ersatz ab
Weitere Behandlungenoft keinemeist erforderlich
Langfristige Perspektivehäufig sehr gutabhängig vom Zahnersatz

Häufige Fragen

Wie lange hält ein wurzelbehandelter Zahn?
Bei guter Mundhygiene und regelmäßigen Kontrollen kann ein wurzelbehandelter Zahn viele Jahre, oft Jahrzehnte, erhalten bleiben.

Ist ein Implantat besser als ein wurzelbehandelter Zahn?
Ein Zahnimplantat ist Zahnersatz. Wenn ein natürlicher Zahn erhalten werden kann, ist dies in der Regel die bessere Lösung.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?
In vielen Fällen werden die Kosten übernommen, wenn der Zahnerhalt medizinisch sinnvoll ist. Der genaue Umfang hängt von der individuellen Situation ab.


Fazit

Die Entscheidung zwischen Wurzelbehandlung oder Zahn ziehen sollte immer individuell getroffen werden. Maßgeblich ist nicht allein der aktuelle Befund, sondern die langfristige Prognose.

Ist ein Zahn stabilisierbar, spricht vieles für den Zahnerhalt. Ist dies nicht der Fall, ist eine Zahnentfernung die richtige und nachhaltige Entscheidung.